Spät diagnostiziertes ADHS bei Frauen: Wenn Du jahrelang an Dir selbst zweifelst
Warum fällt mir manches so schwer, obwohl ich mich wirklich anstrenge?
Warum habe ich so oft das Gefühl, nicht gut genug zu sein?
Und warum versteheich nicht, was eigentlich mit mir los ist?
Solche Fragen konnten Frauen, die erst im Erwachsenenalter erfahren, dass sie ADHS haben, jahrzehntelang beschäftigen.
Wenn die Diagnose lange auf sich warten lässt, fehlte oft eine passende Erklärung für die eigenen Erfahrungen. Schwierigkeiten können als persönliches Versagen erscheinen. Kritik aus dem Umfeld kann dazu führen, dass Frauen zunehmend an sich selbst zweifeln. Und viele Frauen haben das Diagnose Bingo durch, bevor irgendwann endlich ADHS am Horizont erschien.
Eine wissenschaftliche Studie von Eve Holden und Helena Kobayashi-Wood aus dem Jahr 2025 beschäftigt sich genau mit diesen Erfahrungen vor der Diagnos. Die Forscherinnen untersuchten, wie Frauen ihr Leben mit lange unerkanntem ADHS erlebt haben und welche Bedeutung die spätere Diagnose für sie hatte.
Die Ergebnisse zeigen, wie stark sich solche Erfahrungen auf das Selbstbild auswirken können und warum eine Diagnose für viele Frauen ein wichtiger Wendepunkt ist.
Wenn andere Dich kritisieren und Du irgendwann selbst daran glaubst
Für ihre Studie befragten Holden und Kobayashi-Wood 28 Frauen, bei denen ADHS erst spät diagnostiziert worden war.
Die Teilnehmerinnen berichteten von belastenden Erfahrungen, darunter Kritik aus ihrem sozialen Umfeld und negative Erfahrungen mit medizinischen Fachpersonen.
Solche Erlebnisse können Spuren hinterlassen. Wenn Du wiederholt hörst, dass Du Dich mehr anstrengen, besser organisieren oder Dich anders verhalten solltest, kann es passieren, dass Du die Verantwortung irgendwann vollständig bei Dir selbst suchst.
Vielleicht fragst Du Dich, warum Dir Dinge nicht so leichtfallen wie anderen. Vielleicht schämst Du Dich für Schwierigkeiten, die Dein Umfeld nicht nachvollziehen kann. Oder Du hast das Gefühl, Dich immer wieder rechtfertigen zu müssen.
Die Studie beschreibt, dass die befragten Frauen unter anderem Schuldgefühle, Scham und ein negatives Bild von sich selbst entwickelt hatten.
Das bedeutet nicht, dass jede Frau mit ADHS diese Erfahrungen macht. Die Ergebnisse zeigen aber, dass solche Belastungen bei Frauen mit spät diagnostiziertem ADHS eine wichtige Rolle spielen können.
Deshalb ist es wichtig, Schwierigkeiten nicht vorschnell als persönliche Schwäche zu bewerten. ADHS ist eine lebenslange neuroentwicklungsbedingte Besonderheit. Eine fachliche Abklärung kann dabei helfen, die eigenen Erfahrungen besser einzuordnen und passende Unterstützung zu finden.

Was sich mit der ADHS Diagnose verändern kann
Für viele Teilnehmerinnen der Studie war die spätere Diagnose ein wichtiger Moment.
Sie half ihnen, frühere Erfahrungen neu zu betrachten und Zusammenhänge zu erkennen, die ihnen zuvor nicht verständlich gewesen waren.
Dinge, die sie lange als persönliches Versagen interpretiert hatten, konnten nun in einem anderen, oft positiverem Licht erscheinen.
Die Frauen berichteten unter anderem von einem besseren Selbstwertgefühl und dem Gefühl, dass ihr Leben wieder lebenswerter ist.
Eine Diagnose löst allerdings nicht automatisch alle Schwierigkeiten. Sie kann zunächst auch viele Fragen aufwerfen und einen Rückblick auf das bisherige Leben auslösen.
Trotzdem kann das Wissen um ADHS einen wichtigen Unterschied machen: Es ermöglicht, die eigenen Erfahrungen mit mehr Hintergrundwissen zu betrachten und gezielter nach Unterstützung zu suchen.
Wenn die ADHS Diagnose auch Trauer auslöst
Eine späte Diagnose kann Erleichterung bringen. Gleichzeitig kann sie schmerzhafte Gedanken über die Vergangenheit auslösen.
Viele der Frauen in der Studie beschäftigten sich mit der Frage, wie ihr Leben möglicherweise verlaufen wäre, wenn ADHS früher erkannt worden wäre.
Vielleicht hätten sie früher Unterstützung erhalten. Vielleicht hätten sie bestimmte Schwierigkeiten besser verstanden oder manche Erfahrungen anders eingeordnet.
Solche Gedanken können mit Trauer über verpasste Möglichkeiten verbunden sein.
Das ist ein wichtiger Aspekt, denn eine Diagnose bedeutet nicht nur, etwas Neues über sich selbst zu erfahren. Sie kann auch dazu führen, die eigene Lebensgeschichte neu zu betrachten.
Dabei gibt es keinen vorgeschriebenen Weg, mit diesen Gefühlen umzugehen. Erleichterung, Wut, Trauer und Hoffnung können nebeneinander bestehen.
Warum Frauen mit ADHS ernst genommen werden müssen
Die Ergebnisse der Studie machen deutlich, wie wichtig es ist, die Erfahrungen von Frauen mit ADHS ernst zu nehmen.
Wenn Symptome nicht erkannt oder Schwierigkeiten falsch eingeordnet werden, kann es lange dauern, bis Frauen eine passende Erklärung und Unterstützung erhalten.
Deshalb braucht es mehr Aufmerksamkeit für ADHS bei Frauen, sowohl im medizinischen Bereich als auch im gesellschaftlichen Umgang mit der Diagnose.
Dazu gehört auch, Frauen nicht vorschnell als undiszipliniert, unzuverlässig oder überempfindlich zu beurteilen, wenn sie Schwierigkeiten haben, bestimmte Anforderungen zu bewältigen.
Eine sorgfältige Diagnostik und eine passende Unterstützung können dazu beitragen, die eigene Situation besser zu verstehen und neue Wege im Umgang mit den Herausforderungen zu finden.
Was Du aus der Studie mitnehmen kannst
Die Untersuchung von Holden und Kobayashi-Wood zeigt, dass Frauen mit spät diagnostiziertem ADHS von belastenden Erfahrungen berichten können, die ihr Selbstbild und ihre psychische Gesundheit beeinflussen.
Die Teilnehmerinnen beschrieben unter anderem Kritik, Schuldgefühle, Scham und ein negatives Selbstbild. Gleichzeitig berichteten viele, dass die spätere Diagnose ihnen half, ihre Erfahrungen besser zu verstehen und positiver auf sich selbst zu blicken.
Dabei ist wichtig, die Grenzen der Studie zu berücksichtigen: Die Forscherinnen befragten 28 Frauen online. Sie lebten in Großbritannien, waren zwischen 19 und 72 Jahre alt, die meisten berufstätig und viele mit höherer Bildung. Die Ergebnisse geben Einblick in ihre persönlichen Erfahrungen, lassen sich aber nicht ohne Weiteres auf alle Frauen mit ADHS übertragen.
Die Studie zeigt auch nicht, dass eine späte Diagnose bei jeder Frau dieselben Folgen hat oder dass eine Diagnose automatisch alle bisherigen Schwierigkeiten auflöst.
Sie macht jedoch deutlich, warum eine frühzeitige Erkennung und eine angemessene Unterstützung so wichtig sind.
Wenn Du erst spät erfährst, dass Du ADHS hast, kannst Du Deine bisherige Lebensgeschichte neu lesen. Nicht jede Schwierigkeit beweist, dass mit Dir etwas nicht stimmt.
Eine Diagnose kann Dir helfen, Dich selbst besser zu verstehen und herauszufinden, welche Unterstützung Du brauchst.
Meine Haltung
Ich bin überzeugt: Ein ADHS-Gehirn braucht vor allem ein „artgerechtes" Leben. Ein Umfeld, das seiner Biologie entspricht, gepaart mit radikaler Selbstakzeptanz und Selbstfürsorge.
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Quelle: Holden, E. & Kobayashi-Wood, H. (2025). Adverse experiences of women with undiagnosed ADHD and the invaluable role of diagnosis. Scientific Reports, 15, 20945. https://doi.org/10.1038/s41598-025-04782-y



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